Mit Achtsamkeit Krebs bewältigen

Wer eine Krebsdiagnose erhält, sieht nicht nur eine anstrengende und kräftezehrende Therapie auf sich zukommen. Betroffene haben auch große Angst und viele Fragen. Die Unsicherheit kann oft genauso belastend sein, wie die Behandlung selbst. Viele Ärzte und Psychologen setzen inzwischen auf Achtsamkeitstraining, das bei der Bewältigung von psychischen Belastungen helfen kann.
 

Turm aus Steinen

Was ist Achtsamkeitstraining?

Das Konzept des Achtsamkeitstrainings geht zurück auf Dr. Jon Kabat-Zinn. Er entwickelte 1979 die „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR). Die Übungen basieren auf seinen Erfahrungen mit buddhistischer Meditation und dem Hatha-Yoga.1 Anders als im Buddhismus hat die Meditation bei Krabat-Zinn jedoch keinen religiös-spirituellen Hintergrund.2 Die Übungen sollen helfen, Ruhe in der Hektik des Alltags zu finden und mit Stress, Ängsten, negativen Gefühlen oder Krankheiten besser umgehen zu können. Absolventen des Trainings lernen, den eigenen Körper sowie äußere Einflüsse und deren Auswirkungen bewusst wahrzunehmen und zuzulassen.3 Kabat-Zinn wollte damit vor allem Schmerzpatienten neben der regulären Behandlung noch ein auf Achtsamkeitsmeditation und Yoga basierendes Trainingsprogramm anbieten. So sollten sie mit chronischen Schmerzen besser umgehen und Lebensfreude zurückgewinnen. Inzwischen wird das MBSR-Programm von unterschiedlichen Patientengruppen, aber auch von Führungskräften weltweit genutzt.

Wie bei chronischen Schmerzen, können Achtsamkeit und Meditation auch bei Gefühlen von Unsicherheit oder Ängsten helfen. Die akzeptierende und nicht bewertende Grundhaltung ermöglicht es, die inneren Widerstände wahrzunehmen und schrittweise abzubauen.4 Gerade während einer Erkrankung kann die Achtsamkeit hilfreich sein, um das psychische Gleichgewicht wiederzufinden und zu erhalten.

Wie kann Achtsamkeitstraining bei einer Krebserkrankung helfen?

Aufbauend auf Kabat-Zinns Konzept sowie der kognitiven Achtsamkeitstherapie bei Depressionen (MBCT) nach John Teasdale gibt es deshalb heute auch spezielle Programme für Krebspatienten.

meditierende Frau

Wie diese funktionieren beschreibt die Psychologin Anja Koch am Beispiel von Patienten mit chronischen Schmerzen. So seien deren Gedanken häufig ein Teufelskreis aus negativen Gefühlen, Gedanken und Verhalten. Das verschlimmere die Schmerzen aber eher noch. Während des Achtsamkeitstrainings lernen Teilnehmer, all ihre Empfindungen auf den einfachen Satz „Ich habe eine körperliche Empfindung“ zu reduzieren.5 Sie lenken ihre Aufmerksamkeit voll und ganz auf den aktuellen Moment und beobachten ihre Gedanken, Körperempfindungen und Sinneseindrücke – jedoch ohne zu bewerten. Dadurch sollen sie mehr Akzeptanz entwickeln und ihre Beschwerden als weniger quälend wahrnehmen.6 Dies soll den Teufelskreis beenden. Auch bei Krebspatienten erzielen Experten Erfolge mit dem Training.

Achtsamkeit ist ein von Augenblick zu Augenblick gegenwärtiges, nicht urteilendes Gewahrsein, kultiviert dadurch, dass wir aufmerksam sind. Achtsamkeit entspringt dem Leben ganz natürlich. Sie kann durch Praxis gefestigt werden. Diese Praxis wird manchmal Meditation genannt. Doch Meditation ist nicht das, was Sie denken.

Jon Kabat-Zinn

Yoga am Strand

Ein wichtiger Bestandteil des Achtsamkeitstrainings ist es, die Aufmerksamkeit lenken zu lernen. Die Konzentration auf eine einzige Sache soll dabei helfen, mehr über sich selbst zu erfahren.7 Teilnehmer werden motiviert, sich dabei folgende Fragen zu stellen:

  • Was genau empfinde ich? (z.B. bei Angst: Wovor genau habe ich Angst?)
  • Welche verschiedenen Gefühlsanteile sind da? (z.B. bei Angst: auch Trauer und Wut?)
  • Warum empfinde ich das?
  • Was ist der Auslöser dafür?8

Darüber hinaus kann es auch helfen, eine Situation aus anderen Blickwinkeln zu betrachten, um neue Möglichkeiten zu erschließen. Auch Übungen zur Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen sind in der Regel Bestandteile.

Kopf aus Ästen

Die Konzentration auf die eigenen Gefühle, Ängste, Wünsche und Bedürfnisse ist für Krebspatienten wichtig, um klare Wünsche und Ziele für das Leben zu formulieren.9 Nur wer weiß, was er braucht, kann die eigenen Bedürfnisse anderen besser mitteilen. So erhält die eigene Umwelt die Chance, besser auf den Patienten einzugehen.

Welche Wirkung hat Achtsamkeitstraining?

Auch wenn das Achtsamkeitstraining als Therapiemethode vielleicht etwas esoterisch wirken mag, ist seine Wirkungsweise doch gut erforscht und von der Schulmedizin anerkannt.10 Forscher haben herausgefunden, dass regelmäßiges, achtsames Meditieren manche Gehirnbereiche verändern kann. Dazu gehört beispielsweise der Mandelkern, das Zentrum für Emotionen, emotionales Verhalten und Motivation, welches verantwortlich für unsere Angst ist. Er kann durch Achtsamkeitstraining kleiner werden, Ängste so weniger werden. Gleichzeitig können der Hippocampus, der für die Gedächtnisfunktionen zuständig ist, und die Gehirnsubstanz, die unsere Aufmerksamkeit steuert, wachsen.11 Meditation hat zudem einen positiven Einfluss auf Stress. So untersuchte der Arzt und Stressforscher Prof. Dr. Tobias Esch den Hormonpegel im Blut von Meditierenden. Seine Ergebnisse zeigten eine deutliche Senkung von Stresshormonen, welche zu einer Stressreduktion führten.12

Weitere Informationen

Es verwundert nicht, dass das Achtsamkeitstraining inzwischen von vielen Krankenkassen anerkannt wird. Interessierte finden auf der Homepage des MBSR-Verbandes weitere Informationen. Zusätzlich empfehlen sich folgende Bücher für eine nähere Auseinandersetzung mit Achtsamkeit und Krebs:

  1. http://www.achtsamleben.at/anwendung/mbsr/
  2. http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/beruf/yoga-lehrer-kabat-zinn-ueber-smartphone-sucht-und-nichtstun-13483207.html
  3. https://aok-erleben.de/achtsamkeitstraining-nach-dr-jon-kabat-zinn/?cid=aokdehe_nse_2017_08_1980
  4. http://www.ihre-gesundheit.tv/medical-news/krebs-mit-achtsamkeit-bewaeltigen-was-ist-achtsamkeit-in-der-psychoonkologie/
  5. https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/achtsamkeit/pwieachtsamkeitindermedizin100.html
  6. https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/achtsamkeit/pwieachtsamkeitindermedizin100.html
  7. https://krebsratgeber.de/artikel/mit-achtsamkeit-zur-seelischen-ausgeglichenheit
  8. https://krebsratgeber.de/artikel/mit-achtsamkeit-zur-seelischen-ausgeglichenheit
  9. https://krebsratgeber.de/artikel/mit-achtsamkeit-zur-seelischen-ausgeglichenheit
  10. https://krebsratgeber.de/artikel/mit-achtsamkeit-zur-seelischen-ausgeglichenheit
  11. https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/achtsamkeit/pwieachtsamkeitindermedizin100.html
  12. http://www.3sat.de/page/?source=/ard/wissenaktuell/181578/index.html