Mit Schmerzen bei Krebs umgehen

Ein Interview mit Alf von Kries, Diplom-Psychologe, über Strategien gegen den Schmerz

Schmerzen verstehen lernen

Schmerzen können ein Teil der Diagnose Krebs sein. Man kann als Betroffener jedoch lernen, mit ihnen umzugehen: „Schmerzen sind ein ursprünglicher Bestandteil meines Lebens. Es ist wichtig, den Schmerz verstehen zu lernen. Das kann ein Bemühen sein, das Zeit und vor allem Unterstützung braucht. Das Ziel ist, ich habe Schmerzen, gehe mit ihnen um und nicht der Schmerz hat mich.“ Das ist für jeden Patienten ein wichtiger, individueller Klärungsprozess.

„Welche Haltungen / Glaubensätze verbinde ich mit Schmerz?“

Ein wichtiger Punkt im Umgang mit Schmerzen ist das soziale Umfeld des Patienten. Die Familie und kulturelle Aspekte, mit denen sich der Patient umgibt und aufgewachsen ist, prägen das Schmerzempfinden. Hat man gelernt, mit Schmerzen umzugehen oder ist man mit gewissen Glaubenssätzen groß geworden, die Patienten auch daran hindern können mit der Schmerzwelt umzugehen?

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz?“

Als Patient ist es zunächst essenziell, den Schmerz als ein deutliches Zeichen des Körpers zu akzeptieren und sich frühzeitig an einen Schmerztherapeuten zu wenden. Dies kann ein längerer Prozess sein, da die wirksame Medikation einer Schmerztherapie immer maßgeschneidert für den jeweiligen Patienten gefunden werden muss. „Das ist ein gemeinsamer Findungsprozess. Ich muss aktiv mit dem Schmerztherapeuten oder Schmerzarzt zusammenarbeiten.“

„Wie nehme ich den Schmerz wahr – körperlich, psychisch, emotional, seelisch?“

Eigene Strategien finden

Zusätzlich stehen dem Patienten auf körperlicher Ebene neben den Medikamenten weitere Möglichkeiten zur Verfügung. Es gibt ein breites Spektrum an Entspannungswelten und -techniken. Schmerz ist immer mit einer muskulären Verspannung verknüpft und bedeutet Unruhe und auch Aufregung. „Alles was mich in Ruhe, in Entspannung, in Gelassenheit, in ein Stück Distanz zu mir selbst bringt - also Bewegung, Ablenkung, Reduktion von Belastungen, Schlaf- und Entspannungstechniken - sind auf der körperlichen Ebene ein Mittel gegen den Schmerz“, rät Alf von Kries.

Auf der seelischen Ebene ist es für Patienten entscheidend, wie mit Ängsten und Schmerzen umgegangen wird. Es gibt die Möglichkeit, bestimmte Hypnotherapien in Anspruch zu nehmen, in denen man in Verbund mit Entspannungstechniken lernt seine Aufmerksamkeit zu lenken. Die Aufmerksamkeit liegt dann nicht mehr auf dem Schmerz, sondern auf einer angenehmen, ablenkenden Vorstellung, einem inneren Bild (z.B. ein sicherer und angenehmer Ort). Dies kann für viele Patienten sehr hilfreich im Umgang mit Schmerzen sein, erfordert aber Training. „Wenn Sie sich durch Ihre Vorstellung in eine entspannte Grundstimmung bringen, verändert sich das vegetative Nervensystem, d.h. Sie kommen von dem sympathisch aufgeregten in den parasympathisch ruhigen Modus. Das hat auf körperlicher Ebene sofort entsprechende Kettenreaktionen zur Folge und verändert Ihr Schmerzerleben“, rät Kries.

„Ich möchte aktiv werden und nicht in einer passiven Rolle hängen bleiben. Das ist ein bisschen Arbeit, aber es lohnt sich, weil man so lernen kann, Schmerzen zu beherrschen.“

Sich Unterstützung suchen

Für den Patienten kann es auch hilfreich sein, sich in psychologische Hände zu begeben, um gewisse Themen aufzuarbeiten, zu diskutieren oder einfach nur auszusprechen. Viele Patienten können oftmals nicht so offen und ehrlich mit ihren Angehörigen reden, wie sie gerne möchten. Oft stößt man auf lieb gemeinte Floskeln wie „Stell dich nicht so an!“ oder „Da kommst du schon durch!“. In diesem Moment wünscht man sich aber eher eine fachliche Meinung oder jemanden, der einfach zuhört. Die Initiative des Patienten ist gefragt. Je nachdem wie aktiv er die Angebote, die ihm zur Verfügung stehen, nutzt, kann er das Schmerzerleben und den Genesungsprozess positiv beeinflussen und steuern.

„Welche begleitende Unterstützung verschaffe ich mir?“

Auch das Wissen und die Vorstellung darüber, wie man als gesunder Mensch war, kann das Empfinden des Patienten beeinflussen. An diesem Punkt möchten alle Patienten wieder ankommen. Die Konzentration in der Entspannung auf ein inneres Bild eines gesunden Körpers fördert Genesungsprozesse. Die innere Ausrichtung und Haltung spielt dabei eine entscheidende Rolle.

„Dann kann die Vorstellung meines gesunden Körpers im Mittelpunkt einer bestimmten Meditationsübung stehen. Dazu gibt es Studien und Untersuchungen, die zeigen, dass zumindest die Lebensqualität verändert wird, möglicherweise sogar die Therapieverläufe oder eben im Extremen auch zu diesen unerwarteten Verläufen oder Genesungen führt.“

Psychologische Betreuung bedeutet immer auch ein Stück weit mehr Orientierung und Sicherheit zu der gesamten Lage als auch zu der Frage: „Wie kann ich damit umgehen?“ Viele Krebs-Patienten sind durch die Diagnose in ihrem Denken sehr erschrocken und festgefahren. Durch die fachliche Begleitung werden dem Patienten seine individuellen Ressourcen, Fähigkeiten und Potenziale aufgezeigt, sodass er zunehmend wieder Einfluss auf sich selbst nehmen kann.

Alf von Kries ist leitender Diplom-Psychologe an den HELIOS Dr. Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden. Dort leitet er den Pycho Onkologischen Dienst und begleitet Patienten und deren Angehörige auf dem Weg durch die Krebserkrankung. Diese Begleitung reicht von der Verdachtsdiagnose bis hin zur Nachsorge sowie der seelischen und sozialen Betreuung.