Den seelischen Aspekt hinter der Krebserkrankung verstehen

Alf von Kries, Diplom-Psychologe, erklärt warum es wichtig ist, sich bewusst Zeit zu nehmen

Älteres Paar schaut sich lächelnd an

 

Nach der Krebsdiagnose verharren Patienten häufig in einer Schockstarre – das Leben wird auf den Kopf gestellt und man weiß weder ein noch aus. An diesem Punkt ist es wichtig, den Betroffenen individuell zu begleiten. Alf von Kries vom Psycho-Onkologischen Dienst (POD) weiß, was Patienten in dieser schwierigen Phase des Lebens helfen kann, wieder ein Stück zu sich selbst zu finden.

Sich Zeit nehmen

„Wenn ich als Patient von der Diagnose erfahre, wären Ruhe, Zeit und Geborgenheit sicher etwas Naheliegendes“, so der Diplom-Psychologe.“ Für den Patienten kann es eine große Hilfe sein, eine vertraute Person an seiner Seite zu wissen, die während des Diagnose-Gesprächs dabei ist. Es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen und das Gespräch mit dem Arzt wirken zu lassen. Das kann bei jedem Patienten anders sein, manch einem hilft ein Spaziergang über den Parkplatz oder gar nur ein kurzer Moment des Innehaltens. „Da ist individueller Rhythmus gefragt. Geben Sie Ihrer Seele Zeit, sich setzen zu lassen, das Gehörte aufzunehmen“, so von Kries.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist an dieser Stelle auch der Informationsstand. Patienten können in derartigen Ausnahmesituationen nur sehr begrenzt Informationen aufnehmen. Da ist dann die begleitende Person wichtig und hilfreich. Dann ist es Aufgabe des Arztes, Sorge dafür zu tragen, ob der Patient die Informationen zur der Diagnose verstanden hat. Manchmal ist ein zweites Gespräch sinnvoll. Fühlt man sich als Patient aber überwältigt von der Diagnose, ist es hilfreich, sich fachliche und psychoonkologische Begleitung zu suchen. Außerdem ist es ratsam, als Betroffener auf andere erlebte Krisen zurückzublicken.

„Es kann helfen, zu reflektieren, wie man damals mit einer schockierenden Nachricht umgegangen ist und wie man das auf die aktuelle Situation übertragen kann.“

Sich der Angst stellen

Verständlicherweise spielt bei Krebs-Patienten die Angst vor dem Tod eine große Rolle. Alf von Kries möchte Mut machen: „Es gibt auf jeden Fall Therapiemöglichkeiten, es gibt lange Lebensperspektiven mit bestimmten Diagnosen.“ Dennoch ist die Bedrohung bei vielen Patienten im Kopf verankert. Zunächst kann das Verdrängen solcher Ängste eine Möglichkeit sein, ein Stück weit den Alltag zurückzuerlangen. Wird man allerdings dauerhaft von Angst heimgesucht, sollte man sich ihr stellen und sie ernst nehmen. Konkret kann es helfen, Informationen zur Erkrankung einzuholen und sich zu informieren, welche Therapiemöglichkeiten es gibt. Aber genau so braucht die Seele Unterstützung durch einen Psycho-Onkologen.

Junges Pärchen sitzt Arm in Arm auf einer Bank in den Bergen

 

Bei vielen Patienten kommt es dann zu einem Umdenken. Sie lassen ihre Ängste zu und finden einen Umgang mit ihnen. Dies kann das komplette Angsterleben verändern. Plötzlich steht die Sorge im Vordergrund, das Leben nicht genug gelebt zu haben oder etwas zu verpassen. Diesen Prozess durchlebt jeder Patient individuell. Alf von Kries weiß durch die Begleitung und Auseinandersetzung mit Patienten, dass die Konfrontation mit der Erkrankung Krebs meistens ein Umdenken und ein Verschieben der eigenen Prioritäten zur Folge hat. „Das passiert natürlich erst, wenn der Patient soweit ist und die seelische Verarbeitung greift. Ich erlebe aber oft, dass Patienten über ihr Leben nachdenken und dass angesichts der Tatsache, dass es kostbar ist, schon andere Prioritäten und Wertigkeiten kommen.“ Viele Dinge, die vor der Diagnose wichtig waren, rücken nun in den Hintergrund. Persönlich wichtige Wünsche und Bedürfnisse werden ernster genommen und man erfreut sich zum Beispiel an Kleinigkeiten des Lebens. 

„Ich glaube unter der Diagnose-Mitteilung passiert etwas, das uns die Kostbarkeit unseres Lebens bewusstwerden lässt.“ Alf von Kries

Sich nach der Behandlung fangen

Natürlich können Ängste auch nach Abschluss der Behandlungen wiederkehren. Dies wird für viele Patienten zum Zeitpunkt der Nachuntersuchungen wieder relevant. Es drängen sich erneut Fragen auf wie: „Kommt der Krebs wieder?“, „Was mache ich, wenn er wiederkommt?“, „Wie gehe ich damit um?“

Wichtig ist, sich auch nach Abschluss der Behandlung Zeit zu nehmen, um das Erlebte zu verarbeiten. Nicht nur die Gedanken zu ordnen, sondern auch mit der Erschöpfung und Ermüdung (Fatigue) umzugehen. Dies spielt besonders im ersten Jahr nach der Behandlung eine große Rolle. Patienten verspüren häufig Stimmungsschwankungen, fühlen sich trotz ausreichendem Schlaf ausgelaugt und unmotiviert. In diesen Momenten zeigt sich dem Patienten nochmal ein Bild der körperlichen und seelischen Umstellung und Verarbeitung.

„Das erste Jahr nach Abschluss der Behandlung ist das Jahr der Genesung. Gönnen Sie sich diese Zeit, in der noch nicht alles so rund läuft, wo es auch Premieren gibt: das erste Ostern danach, das erste Weihnachten...“

Alf von Kries ist leitender Diplom-Psychologe an den HELIOS Dr. Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden. Dort leitet er den Psycho-Onkologischen Dienst und begleitet Patienten und deren Angehörige, auf dem Weg durch die Krebserkrankung. Diese Begleitung reicht von der Verdachtsdiagnose an, bis hin zur Nachsorge sowie der seelischen und sozialen Betreuung.